Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

In Kooperation mit

Ev.-luth. Missionswerk Hermannsburg

Religionspädagogisches Institut Loccum

Arbeitsbereich Kindergottesdienst im Michaeliskloster Hildesheim

Schwarze HeldInnen gesucht

Wie müssen Kinderbücher sein, damit sie Menschen nicht abwerten?  Ansichten zu einer aktuellen Debatte, von Rebekka Sommer, publik forum 3/2103 

In einer Altbauwohnung im Berliner Stadtteil Wedding mit hohen Wänden und einem hellen Holzfußboden sitzt Esther Wicker mit ihren Kindern Merlin (5) und Thekla (3) am Abendbrottisch. Die schlanke Dreißigjährige ist frisch gebackene Ärztin. Ihr Expartner, derVater der beiden Kinder, wohnt ganz in der Nähe. Er stammt aus Kamerun und wird sein Studium in Berlin bald beenden. Esthers Mutter Carola ist zu Gast, auch sie wohnt nebenan. »Wir sind eine typische Wedding-Familie, wa? «, sagt die blonde Arztin. Wenn sie berlinert, reißt sie die Augen ganz weit auf. Eine »Multikulti«-Familie, die nicht der klassischen Vater-Mutter-Kind-Norm entspricht - das lockt hier keine Katze hinterm Ofen vor. Mit anderenWorten: Mit einer anderen Hautfarbe fä111 man hier nicht auf. Für Esther und ihre Mutter war das der Grund, aus Tieptou/ in denWedding zu ziehen, denn die Frage: »Wo kommst du denn  her?«, die schwarzen Kindern gern gestellt wird, kennen auch sie nur zu gut. »Das macht den Kindern Identitätsprobleme", sagt Esther, »sie sind ja Berliner.«

Auch Esther Wicker verfolgt interessiert die Kinderbuchdebatte die in den vergangenen Wochen groß durch viele Medien ging und im Grunde nichts Neues war: Buchverlage aktualisieren ihre Neuauflagen, passen Stereotype an moderne Realitäten an. Immer öfter können Zweijährige in ihre Pappbilderbüchern Frauen in Latzhose betrachten, die Traktor fahren, anstatt in rosa Kleidchen Gemüse zu schnippeln. Jetzt geht es darum, Begriffe aus Kolonialzeiten zu streichen, die viele nichtweiße Menschen als beleidigend empfinden. So sollen Begriffe wie »Neger« und "Zigeuner" auch aus Klassikern wie »Pippi Langstrumpf" und »Die kleine Hexe« gestrichen werden. Und es geht darum, Schwarze nicht als stumm Bastrock tragende Masse zu zeigen, sondern als Kinderbuchhelden. Wie müssen Kinderbücher heute geschrieben sein? Was bewirken sie in Kinderköpfen?

Für Esther, deren Kinder eine deutsch-französische Kita besuchen und aus deren Bibliothek jede Woche ein Buch ausleihen dürfen, war das bislang kein Thema. Ihre Meinung zur aktuellen Diskussion: Die ganz schlimmen Begriffe sollte man auch aus den alten Büchern streichen. Wichtiger findet sie allerdings, dass es auch deutschsprachige Bücher geben sollte, die schwarze Helden zeigen. Die französische, auch die amerikanische Medienlandschaft sei fortschrittlicher, was die Darstellung sozialer Vielfalt, angeht. Der Schweizer Baobab Verlag übersetzt in seiner »Reihe Baobab" Bilderbücher aus aller Welt, um - Iaut Eigenwerbung - »für eine respektvolle Haltung gegenüber Menschen anderer Herkunft und Chancengleichheit« einzutreten. "Eindrücklich« und »kunstvoll«, loben Leser und Presse. Doch Esther reicht das nicht: »Wenn nur das Exotische dargestellt wird, wird sich die Wahrnehmung von Schwarzen nicht ändern.« Als Beispiel nennt sie eine Spaziergängerin, die die kleine Thekla lobte: »Hui, du hast Rhythmus im BIut!" Da machte das Kind gerade schwankend seine ersten Schritte.

Wenn Stefani Boldaz-Hahn in einen Kindergarten kommt, um Erzieherinnen zu schulen, trifft sie oft auf Widerstand. Die Erziehungswissenschaftlerin arbeitet als freie Mitarbeiterin für die Internationale Akademie für innovative Pädagogik, PsychoIogie und Ökonomie gGmbH an der Freien Universität Berlin. Für das Projekt ,Kinderwelten« führt sie bundesweit Sensibilisierungsworkshops für Pädagogen durch. »Viele haben die Befürchtung: Jetzt kommt diese Frau und redet mit uns über Rassismus. Sind wir denn alle rassistisch?«, beschreibt sie die Ängste. ,Uns geht es aber um die Institutionen: Wie ist ein Kindergarten gestaltet, kann man an der Einrichtung sehen, welche Kinder sich hier aufhalten?« Gibt es etwa »Familienwände, die Bilder aller Familien zeigen? Sind Puppen mit verschiedenen Hautfarben, Haarstrukturen und Augenformen da; ist die einzige Frau, die hier ein Kopftuch trägt, die Putzfrau? Kann Erwerbslosigkeit oder Behinderung ein Thema sein, ohne problematisiert zu werden?

»Kinder lernen schon im ersten Lebensjahr Unterschiede wahrzunehmen, sagt die engagierte Wissenschaftlerin. ,Sie unterscheiden Männer von Frauen und Frauen von Mädchen. Nicht viel später mit etwa zwei Jahren schon, ordnen sie die Unterschiede bereits ein - heißt, sie bewerten sie. Amerikanische Forscher ließen Kinder Familien und Wohnhäuser malen. Das Ergebnis : Sprösslinge von Alleinerziehenden zeichneten klassische Vater-Mutter-Kind-Konstellationen, Großstadtkinder malten Einfamilienhäuser, die man wohl eher in ländlichen Regionen vermutet als in Chicago. »Das ist doch klar: Finden Sie mal ein Bilderbuch, in dem ein Hochhaus vorkommt!«, sagt Boldaz-Hahn. »Wenn überhaupt, dann werden Hochhaussiedlungen problematisiert.« Das Fazit: Die Wirkung, die von Büchern ausgeht, entzieht sich dem Einfluss der E1tern, auch wenn sie noch so anspruchsvoll erziehen möchten.

Welche Bücher empfiehlt die Wissenschaftlerin? »In Kitas sollte es eine Palette geben: Bücher, in denen Schwarze die Helden sind, aber auch ganz selbstverständlich als Randfiguren vorkommen«, sagt sie. MittIerweile sei dies in einigen Wimmel- und Kindersachbüchern der Fall. Ihr Projekt »Kinderwelten" ebenso wie mehrere antirassistisch organisierte Gruppen listen auf ihren Webseiten entsprechende Bücher auf (siehe unten). Ab etwa vier Jahren könne man Rassismus und den Mut  zum Widerstand thematisieren und rassistische Begriffe zum Thema zu machen, ehe Kinder auf dem Schulhof damit konfrontiert werden.

Was die Wissenschaftlerin Boldaz-Hahn ablehnt: Geschichten, in denen Ausgegrenzte sich durch besondere Taten beweisen müssen - eine Mutprobe bestehen, besonders leckeren Kuchen backen - und deshalb in eine Gemeinschaft aufgenommen werden. ,Das vermittelt die Botschaft, dass die Ausgegrenzten in der Bringschuld seien, sagt sie. Und die Geschichten sollten nicht zu exotisch sein. Auch, weil sonst das eintreten kann, was manche Pädagogen als Tourismusfalle bezeichnen: Kitas möchten Vielfalt darstellen, machen eine Woche lang ein Afrika-Projekt, gleiten aber an der Oberfläche und leben »Reisekatalogfantasien« aus.

Die Lieblingsanekdote der WissenschaftIerin: ,Eine vietnamesische Mutter wurde von der Erzieherin gebeten, ein vietnamesisches Frühstück mitzubringen. Anstatt das aufzutischen, was die Familie morgens tatsächlich isst - nämlich Cornflakes -, brachte sie ein aufwendiges Reisgericht mit. Ihr Kind aß bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal mit Stäbchen.

Tina Asamoah bezeichnet sich selbst als »kleine schwarze Frau«. Dann lacht sie ihr zögerliches, leises Lachen. Die dreißigjährige Veranstaltungskauffrau hält ihren Sohn Samuel auf dem Schoß, er ist vier Monate alt. Tina lebt in Berlin, seit sie sieben Jahre alt ist; aufgewachsen ist sie in Ghana. Ihrem siebenjährigen Sohn Nuno liest sie gerne die Märchen vor, die sie selbst als Kind hörte: die der Gebrüder Grimm, die sie von der deutschen Frau des Vaters mit auf den Weg bekam. Und ghanaische Märchen, mit denen sie ihm seine zweite Kultur vermitteln will. Von der Kinderbuchdebatte fühIt Tina sich seltsam betroffen. ,Der Begriff Neger ...«, sie sucht nach Worten, ,er macht mir ein ganz komisches Gefühl im Bauch. Er passt nicht zu uns.« Die Geschichte von dem schwarzen Jim Knopf, der in einem Postpaket auf der Insel LummerIand ankommt, möchte sie ihrem Sohn deshalb nicht vorlesen.


Was empfehlenswert ist


Mia mit dem Hut

Adabi ist neu in der Klasse. Er kommt aus Afrika. Mia findet ihn nett, denn er lacht als einziger nicht über den Hut, den sie von ihrem Uropa geerbt hat. Doch als Abadi von den anderen Kindern verhöhn wird, hat Mia nicht den Mut, zu ihm zu stehen. Doch dann traut sie sich. Kann der neue Freund ihr verzeihen? Das Erstlesebuch thematisiert Fremdenfeindlichkeit, Mut und Freundschaft. 

Groß, Klein, Dick, Dünn - ich mag mich, wie ich bin. 

Kein Mensch ist wie der andere: Es gibt dicke, dünne, große und kleine. Das zeigt dieses Bilderbuch mit interessanten Spielelementen. Erschienen ist es in einer Reihe von Sachbüchern für Kinder, die Menschen mit verschiedenen Hautfarben, Krücken oder Prothesen zeigt. Kinder Iernen, genau hinzuschauen, und entdecken viele verschiedene Formen des Aussehens. 

Jojoba

Als Farafina im Urwald ein Baby findet, schenkt sie es ihrer Mama zum Geburtstag. Doch die hat schon acht Kinder, die sie über alles liebt. Reicht die Liebe noch für ein neuntes? Das Buch kann man zwanzig Mal vorlesen, ohne die Hautfarben seiner Protagonisten zu thematisieren.

 

Buchhinweise:

Karin Koch: Mia mit dem Hut
Peter Hammer Verlag. 9,9o.
Ab 6 Jahren 

Emma Thompson: Groß, Klein, Dick, Dünn. lch mag mich, wie ich bin.
Cabriel Verlag. 11,9o .
Ab 4 Jahren
 

Anne Wilsdorf: Jojoba.
Beltz. 5,95.€
Ab 4 Jahren